Work and Travel im eigenen Bundesland? Hört sich irgendwie langweilig an – oder zumindest nicht sehr vielversprechend hinsichtlich neuer, interkultureller Erfahrungen, von denen ich (wie du weißt) ein großer Fan bin. Nachdem ich mich von meinem Host in Hamburg verabschiedet hatte, suchte ich jedoch nach irgendeiner Möglichkeit, mit Workaway weiterzumachen und nicht allzu lange daheim rumzugammeln. Aufgrund der derzeitigen Corona-Situation fiel selbst eine weite Reise innerhalb Deutschlands für mich aus, weshalb ich mich bei der Suche auf mein direktes Umfeld beschränkte – und so auf das Projekt Will Cayton stieß. Und Leute, ich kann euch eins sagen: Beste Entscheidung.

Geplant war es als eine Art Camping-Wochenende mit einer guten Freundin. Ich erzählte ihr von dem Workaway-Profil der drei Jungs aus Berlin, die sich mit einer Vision vor Augen ein heruntergekommenes Grundstück in der Nähe von Anklam gekauft hatten, um dort eine kreative Gemeinschaft auf minimalistischer und ökologischer Lebensgrundlage aufzubauen. Permakultur lautet das Zauberwort, welches dort als maßgebend gilt für sämtliche Alltagsstrukturen.

Info: Was ist Permakultur?

Der Begriff Permakultur basiert auf einem nachhaltigen Konzept in der Landwirtschaft/Gartenpflege, dessen langfristiges Ziel es ist, stabile Ökosysteme ohne industriellen Einfluss und mit Einbezug natürlicher Ressourcen zu erschaffen. Zum Beispiel bedeutet das, dass im Garten eine breite Vielfalt an heimischen Pflanzenarten zeitlich versetzt und als Mischkultur aufgezogen wird, um sich ganzjährlich damit versorgen zu können und die Pflanzenarten ohne Nutzung von u.A. Pestiziden zu erhalten, da sie einander auf natürliche Art und Weise schützen.

Doch bevor ich nun zu sehr über die in meinen Augen äußerst faszinierende Philosophie des Projekts spreche, fange ich lieber von vorn an: Am Freitag vergangene Woche machten wir uns auf den Weg zu einem Dorf weit ab vom Schuss, wo sich unsere Ziellocation befand. Schon der huckelige Ackerweg kurz vor Fahrtende machte unmissverständlich klar: Das würde ein Abenteuer der etwas anderen Art werden.

Irgendwo im Nirgendwo

Als wir dem Navi bei den Worten Ihr Ziel befindet sich auf der rechten Straßenseite schließlich den Saft abdrehten, parkte ich erst einmal auf einer Rasenfläche, um nicht direkt auf dem Weg stehenzubleiben. Meine Freundin und ich schauten uns an. „Und jetzt?“ Niemand war in Sicht, die kleine Häusersiedlung lag schweigsam und verlassen vor uns. Nach wenigen Minuten bahnten sich aber zwei Gestalten den Weg zu uns – ein großer schlaksiger Typ mit Kapuzenhoodie und ein Mädchen in Jogginghose und XL-Strickjacke. Die anderen beiden Gründer des Projekts waren zu dem Zeitpunkt nicht vor Ort, einer von ihnen würde aber am nächsten Tag vorbei schauen.

Wir stiegen aus und wurden sogleich mit offenen Armen von dem Pärchen begrüßt. Er (Flo) zeigte mir einen besseren Stellplatz fürs Auto und gab uns anschließend eine kleine Tour quer durch die – zum Teil einsturzgefährdeten – Gebäude und üppigen Grünflächen. Was auf den ersten Blick völlig chaotisch wirkte, bekam allmählich System, je mehr Flo erzählte.

Zwischen Kulturschock und Faszination

Und er erzählte viel. Mit strahlenden Augen, einem Lächeln im Gesicht und ausschweifenden Gesten steckte er uns schon bald mit seiner Leidenschaft an, auch wenn ich anfangs ein wenig verunsichert durch den äußerst senilen Zustand der Gebäude und der gewöhnungsbedürftigen Toilettensituation war. Statt einheitlicher Sanitäranlagen gibt es hier nämlich nur zwei Ökoklos – und eben die Büsche. Generell verzichtet man auf jeglichen unnötigen Wasserverbrauch. „Das Minimum lag bis jetzt bei 3 Litern Wasser pro Person am Tag“, sagte uns Flo.

Krasse Sache, die ich erstmal verdauen musste. Als sehr reinliche Person kam mir das alles zuerst etwas unhygienisch vor, denn eine tägliche, erfrischende Dusche möchte ich so im Alltag nicht missen. Doch im Sommer, wenn auch das Projekt seine alljährliche Hochphase erlebt, kann man sich durchaus mit der fehlenden Dusche arrangieren – rund 20 Minuten Fahrradweg entfernt springt man für eine Ganzkörperreinigung dann nämlich ganz easy in den See.

Nachdem wir uns einen Überblick über das Gelände verschafft und unser Gepäck im „Steini House“ abgestellt hatten (unsere überdachte Unterkunft, in der sogar schon ein kleines Zelt aufgebaut war), fragte uns Flo ganz unbedarft: „Wollt ihr skaten?“

Und, naja, dann skateten wir. Beziehungsweise wir versuchten es, während Flo uns Hilfestellung gab und kurze Zeit später wieder vom Boden aufhalf. Die im Hauptgebäude integrierte Ramp ist dabei wie gefühlt alles andere komplett selbstgebaut und eignet sich für Besucher auch gut als Schlafplatz. Du merkst schon: Gefühlt alles an diesem Ort ist multifunktionell.

Deepe Gespräche bei Kerzenschein

Als wir schließlich Abends Garten-Gemüse schnippelten – mit Handylampe und etwa zehn Kerzen als Lichtquellen – und unser Zucchini-Curry aßen, unterhielten wir uns viel und ich war angenehm überrascht über das große Interesse, was die beiden an uns zeigten. Wir sprachen über die Schulzeit, witzige Anekdoten aus der Vergangenheit und unsere Zukunftspläne. Letzteres wird mir mit Sicherheit noch länger im Gedächtns bleiben, denn es war nicht dieses einfache „Was willst du beruflich werden?“ – „Journalistin“ – „Achso cool“ -Gespräch. Wie Flo und seine Freundin Lotta mit uns redeten, spiegelt perfekt wieder, wie man sich eigentlich den gesamten Tag über bei ihnen fühlt: Verstanden. Akzeptiert. Gewertschätzt.

Als ich über meine Ambitionen und Träume sprach, wurde ich ernst genommen – und das von einem 26-Jährigen, der schon viel mehr Lebenserfahrung hat als ich. Normalerweise werde ich für meinen Berufswunsch eher belächelt oder mir wird zumindest vor Augen geführt, dass meine Ziele ja schon ziemlich hochgesteckt sind und ich mir trotz Allem auch etwas wirklich Sicheres aufbauen sollte. Das passiert in meiner Familie, in meinem Bekanntenkreis und bei Leuten, die mich gar nicht kennen. Aber es passiert nicht in dieser alten, ramponierten Scheune, wo jeder seine Ideen in irgendeiner Art und Weise einbringen kann und dafür sorgt, dass dieser Ort so wunderbar ist.

Wahrscheinlich liegt das vor allem daran, dass Flo und seine Kumpels selbst eine Vision haben, die ebenfalls von Anderen schräg angeschaut wird. Auch sie haben mit ihrem Projekt eine Menge Arbeit vor sich und mussten seit dem Kauf des Grundstücks vor ca. einem Jahr unglaublich viel Energie und finanzielle Mittel investieren. Unsicherheit oder Zweifel sind hier fehl am Platz, zumindest war das mein Eindruck – man bemüht sich täglich, dass Projekt voran zu treiben und trägt dabei eine überzeugte Zuversicht im Herzen. Doch was ist denn genau das Ziel am Ende des Tages? Was soll mit den einsturzgefährdeten Häusern passieren und warum macht man sowas überhaupt?

Eine Vision, die beeindruckt

So wie ich das Ganze aufgefasst habe, möchten die drei – allen voran Flo – einen Ort schaffen, an dem jeder Mensch Willkommen ist, sich für unbestimmte Zeit niederzulassen und mit der Natur im Einklang zu leben. Eine Gemeinschaft aufzubauen, die ohne viel Schnickschnack auskommt, Permakultur betreibt und sich nahezu vollständig selbst versorgt.

Den sicheren Teil des Hauses bewohnbar zu machen indem man ihn perfekt renoviert, ist für Flo dabei gar nicht erstrebenswert: „Wir brauchen Leute die gut sind im Out-of-the-box-Denken. Ich möchte nicht mit zehn Handwerkern planen, die mich mit ihrer Meinung überstimmen und nur 90 Grad Winkel bauen.“ Viel lieber sind ihm kreative Ideen mit ebenso kreativen Lösungsansätzen ohne irgendeinen modernen Baustil.

Da die Gelder begrenzt sind und man generell eher materielle Güter preferiert, die nicht erst neu hergestellt werden müssen, knüpft die Gruppe über Ebay Kleinanzeigen Kontakte und bezieht von dort allerlei Kram, der sich als nützlich erweisen könnte. Das nötige Fachwissen wie beispielsweise über die Elektronik des Solarpendels (das mich übrigens nochmal auf einem ganz anderen Level beeindruckt hat, dessen Funktionsweise ich aber trotz Erklärung nicht zu hundert Prozent verstanden habe – sorry Flo) eignen sie sich meist selbst an.

Übers Wochenende halfen wir dabei, dutzende über dutzende Holzbretter und -platten vom Auto in die Eingangshalle zu transportieren (womit das Ganzkörper-Workout für diesen Tag abgehakt war 🙂 ) und davon später einen Teil auszusortieren, der sich als zu gammlig für weitere Nutzung herausstellte. Weiterhin lernten wir von Flo auch einiges über das Pflanzen von Bäumen, ernteten Gemüse, spülten Geschirr, streichelten den halb adoptierten Kater namens Peta und brachten etwas Ordnung in einen Klamottenhaufen, der sich über den Sommer angesammelt hatte.

In seiner Großzügigkeit überließ Flo mir bei dieser Aufräum-Aktion sogar ein abgegriffenes Hörbuch von Ein ganzes halbes Jahr und eine fancy Zigarettenschachtel aus Metall. Ich finde den Gedanken schön, mir von jeder Workaway-Erfahrung ein Erinnerungsstück mit nach Hause nehmen zu können.

Kein Lebewohl, sondern ein Auf Wiedersehen

Auch wenn ich mich auf die heiße Dusche daheim wahnsinnig freute und gern wieder eine gewöhnliche Toilette benutzen wollte, war ich bei unserem Abschied am Montag ein bisschen traurig. Doch für uns steht fest: Nächsten Sommer werden wir wiederkommen und dann deutlich länger bleiben. Flo und seine Freunde sind für mich wahnsinnig inspirierend und zeigen, wie gut man mit nur wenig auskommen kann und wie übertrieben wir in unserem Konsumwahn eigentlich ticken.

Wenn sich das Ganze für dich ebenso interessant anhört, kannst du ja mal auf der Instagram-Seite des Projekts vorbeischauen – die drei freuen sich immer über entspannte Leute und kreative Köpfe ☺️

https://instagram.com/project.will.cayton?igshid=1kpcts39xvijm

Ein Ort zum Verlieben

Beitragsnavigation


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.