Vollgestopfte Schubladen, ein chaotisches Wirrwarr an Dokumenten und Aufzeichnungen, Klamottenhaufen verteilt auf dem Boden. So sieht es bei mir Zuhause alle paar Wochen aus, wenn ich meine Ordnung hin und wieder vernachlässige. Da auch mich die zweite Corona-Welle noch voll im Griff hat, habe ich beschlossen, dieses Problem endlich anzugehen – und mich von all dem unnötigen Zeugs zu trennen, durch das kaum noch Platz für Neues bleibt. Viele Menschen sind diesen Schritt schon längst gegangen, sogar mehr als das: Sie leben minimalistisch. Doch wie fühlt es sich an, nur mit dem Nötigsten auszukommen? Und ist weniger wirklich immer mehr?

Minimalismus: Darum geht’s

Im Grunde kann man sich den modernen Minimalismus als Gegenbewegung zum materiellen Konsumüberfluss vorstellen. Der Begriff an sich kommt aus der Kunst: In den 1960er Jahren entfaltete sich die gleichnamige Strömung aus einfachen Strukturen und Formen, strebend nach Objektivität und Klarheit. Unabhängig von diesem Hintergrund gibt es den minimalistischen Lebensstil aber schon seit Jahrhunderten – meist religiös begründet mit dem Ziel des persönlichen Wachstums. Nachdem sich dann zuletzt in den 2000er Jahren der amerikanische Cult of Less entwickelte, schwappte der Trend auch zu uns rüber und findet seitdem immer mehr Anklang.

Das Wichtigste auf das Notwendigste zu reduzieren – ein zentraler Grundgedanke im Minimalismus. Was sich zunächst nach einem enormen Verzicht anhört, empfinden Anhänger der Bewegung aber gar nicht als solchen. Auf unzähligen Blogs kann man nachlesen, wie befreiend es sich anfühlt, allen unnötigen Krempel loszuwerden und dauerhaft ohne überflüssigen Schnickschnack zu leben. Man setzt seinen Fokus auf das Wesentliche und schafft sich einen Überblick über das eigene Hab und Gut. Ein minimalistischer Lebensstil kann sich übrigens auch auf nicht-materiellen Konsum beziehen, zum Beispiel in Form von Enthaltsamkeit.

Meine bisherige Erfahrung mit Minimalismus

Als ich mich Anfang September auf den Weg nach Dänemark gemacht habe und dachte, dass es sich um eine längere Reise handeln würde, war ich gezwungen, mein Gepäck langfristig auf das Nötigste zu beschränken – um so wenig wie möglich mit mir rumschleppen zu müssen. Eigentlich wollte ich schon zu diesem Zeitpunkt einen Blogartikel über Minimalismus schreiben, weil ich mich beim Packen zum ersten Mal bewusst mit dem Thema auseinandersetzte.

Wie sich herausstellte hatte ich große Probleme damit, zu entscheiden, was notwendig war und was nicht. Es gab so vieles, was ich mitnehmen wollte. Kleidungsstücke, die ich vielleicht tragen wollen würde, Arzneimittel, die ich höchstens ein paar Mal in meinem Leben gebraucht hatte – aber man weiß ja nie. Und drei unterschiedliche Paar Schuhe erschienen mir auf einmal absolut sinnvoll, obwohl ich im Alltag selbst nur eins davon trage. Du merkst was ich meine, oder?

Als ich dann schließlich in Dänemark war, realisierte ich, was von meinem Gepäck einen wirklich hohen Wert für mich hatte und welche Dinge ich hingegen überhaupt nicht anfasste. Wider Erwarten störte es mich außerdem gar nicht so sehr, ständig dieselben Klamotten zu tragen oder mich nicht zu schminken. Ich dachte nur, dass ich es vermissen würde – ein klarer Irrtum. Für meine kommenden Reisen werde ich hoffentlich besser umgehen können mit der Frage: Brauche ich das wirklich?

Der erste Schritt in ein Leben ohne Ballast

Wie zu Beginn angekündigt, habe ich mich in der letzten Woche damit beschäftigt, mein Zimmer komplett auszumisten. Ich selbst fühle mich zwar (noch) nicht bereit, mein Konsumverhalten grundlegend umzukrempeln, doch in der Regel beginnt jeder angehende Minimalist die Umstellung damit, sich von all seinem überflüssigen Zeugs zu trennen.

Meine persönliche Aufräum-Aktion habe ich ziemlich spontan begonnen. An diesem Tag ging mir die Unordnung um mich herum vollends auf die Nerven und mir wurde wieder einmal bewusst, wie sehr mich der ganze Kram an die Vergangenheit kettet. Es fühlte sich so an, als würde ich immer noch als Zwölftklässlerin in meinem Zimmer hocken mit einem Berg Hausaufgaben vor mir. Mir fehlte der Cut, die Veränderung in meinen eigenen vier Wänden. Ich hatte mir schon seit Längerem vorgenommen, endlich mal auszumisten und jetzt war eindeutig der richtige Zeitpunkt dafür.

Ich wusste zwar, wie voll meine Schränke waren – aber dass ich im Endeffekt so viel aussortieren würde, hätte ich niemals gedacht. Insgesamt bin ich legendäre 12,4 Kilogramm Papiermüll losgeworden, ungefähr 4 Kilogramm Plastik und 5,8 Kilogramm Restmüll! Darunter befanden sich nicht nur Blöcke und Schulhefter, sondern auch etliche Broschüren und Bücher von irgendwelchen Studienberatungstagen, die längst an Aktualität verloren hatten, ebenso wie Nippes Kram, der nicht mehr meinem Geschmack entspricht.

Doch das war natürlich nicht das einzige. Auch Fotos, persönliche Notizen, sowie kleine Erinnerungsstücke sammelten sich zu Hauf an, von denen ich mich nicht sofort trennen wollte. Die Lösung: Eine kleine Box, in der ich alle materiellen Dinge beisammen habe, mit denen ich einen großen emotionalen Wert verbinde.

Alles in Allem war es ein einziges Durcheinander. Was wollte ich behalten? Und: In welchen Müll kommt was? Tatsächlich fühlte es sich für mich wie eine enorme Entlastung an, jedes Mal wenn ich eine volle Mülltüte in die Tonne entsorgte. Entgegen meiner Vorstellung trauerte ich dabei den aussortieren Sachen in nichts nach, da ich insgeheim wusste, dass sie keinerlei Bedeutung mehr für mich hatten.

Aber so angenehm das Entrümpeln auch war: Sich bei jedem Gegenstand wieder die Frage zu stellen, ob man es behalten möchte oder nicht, ist auf Dauer ziemlich ermüdend. Und selbst wenn ich entschied, es nicht mehr zu brauchen, landete nicht alles zwangsläufig im Müll. Denn nur weil es für mich unnötig ist, heißt es ja nicht gleich, dass niemand sonst damit was anfangen kann.

Mittlerweile habe ich meine Schränke soweit ausgeräumt, dass nur noch das Wichtigste darin Platz findet. Totale Ordnung herrscht in meinem Zimmer aber trotzdem noch nicht, denn zahlreiche Bücher, Spiele, CDs und Klamotten warten derzeit noch darauf, einen neuen Besitzer zu finden. Auf Vinted und eBay Kleinanzeigen steht alles davon zum Verkauf. Vielleicht befindet sich darunter auch etwas, was dir gefallen könnte ☺️

Link zu meinem eBay-Profil:

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Schlussendlich kann ich ein gründliches Ausmisten nur jedem ans Herz legen, egal ob man Minimalist*In werden will oder nicht. Ich persönlich denke, dass wir uns viel zu oft über das definieren, was wir um uns herum haben. Und erst wenn wir uns konsequent davon trennen, bemerken wir, dass es am Ende des Tages nicht das ist, was uns ausmacht.

Kritik am Minimalismus

Nachdem ich mich jetzt verhältnismäßig positiv zum minimalistischen Lebensstil geäußert habe, stellt sich natürlich die Frage, was es an diesem Modell zu bemängeln gibt. Denn seine Bedürfnisse im Alltag dermaßen zu begrenzen ist doch irgendwie auch extrem… oder?

Prinzipiell hängt es natürlich in jedem Fall davon ab, in welcher Intensität man das Ganze auslebt. Ich persönlich sehe einen Kritikpunkt aber ganz woanders, nämlich in der potenziellen Entpersönlichung. Schau dir das erste Bild in diesem Beitrag nochmal an. Ich habe es absichtlich so fotografiert, wie es vielen Inneneinrichtungen ähnelt, die mir beim Stichwort Minimalismus sofort in den Kopf schießen. Man sieht hier einen schlichten, cleanen Arbeitsbereich ohne etwas Überflüssiges in der Nähe, was einen beim Arbeiten ablenken könnte. So behält man den Fokus und einen freien Kopf – aber was sagt dieses Bild über mich persönlich aus?

Ich will damit nicht sagen, dass alle Minimalisten ihre Wohnung gleich einrichten. Da ich mich allerdings gern mit Dingen umgebe, die mich inspirieren und happy machen, wäre mir ein minimalistisches Interieur wie auf dem Bild dargestellt zu wenig. Ich liebe es, in mein Zimmer zu kommen und an fast jeder Wand etwas zu sehen, was meine Persönlichkeit unterstreicht. Selbstgemalte Bilder, Fotos, Zeitungsausschnitte oder Briefe – all das bedeutet mir etwas. Aus diesem Grund sieht mein persönlicher Arbeitsbereich so aus:

Glücklicherweise leben wir in einer Zeit, in der es heißt: Alles kann, nichts muss. Auf den Minimalismus bezogen bedeutet das, dass eine individualisierte Inneneinrichtung den minimalistischen Lebensstil nicht ausschließt, solange man aus jedem Gegenstand einen persönlichen Mehrwert ziehen kann.

Fazit

Für mich klingt das Prinzip des Minimalismus nach viel Disziplin, aber auch nach Kontrolle und Unabhängigkeit. Zum Einen sagt man sich los von überflüssigen Gegenständen und gesteht sich ein, dass das persönliche Glück nicht automatisch geknüpft ist an den materiellen Besitz. Zum Anderen erfordert es aber auch den eiserenen Willen, wirklich nur mit dem Nötigsten auszukommen, während die Gesellschaft einem das Gegenteil vorlebt.

In einer Welt des Materialismus mag der Minimalismus ein Extrem darstellen. Doch wenn du mich fragst, ist ein schlichter Lebensstil am Ende des Tages auch nicht extremer als unbedachter Konsum. Je extremer einem das Prinzip des Minimalismus erscheint, desto mehr hat man sich letztlich dem materiellen Überfluss verschrieben – und umgekehrt.

Minimalismus – ein Extrem?

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